95 Prototypen, eine Vision: Wie das BFS KI in die Bundesverwaltung bringt
Seit 2014 baut das BFS auf, was heute 95 KI- und Data-Science-Projekte umfasst – von der automatischen Unternehmenskodierung bis zur datenschutzkonformen Forschungsplattform. Dahinter steckt keine Technologie-Euphorie, sondern eine klare Haltung: Datenwissenschaft soll dem Gemeinwohl dienen, nicht umgekehrt. Was das konkret bedeutet und wie weit die Schweiz damit ist, zeigt dieser Beitrag.
Bevor es eine Strategie gab, gab es schon Engagement
Das BFS wartete nicht, bis die Politik eine KI-Strategie formulierte. Bereits 2014 engagierte sich das Amt im Expertenausschuss der Vereinten Nationen für Big Data und Datenwissenschaft (UN-CEBD) – zu einer Zeit, als «Data Science» in der Schweizer Bundesverwaltung noch kein geläufiger Begriff war. Aus diesem frühen internationalen Engagement entstand 2017 die erste Dateninnovationsstrategie des BFS. Ihr Kern: Datenwissenschaft ist kein IT-Projekt, sondern ein Instrument zur Verbesserung der öffentlichen Statistik – mit klaren Prioritäten, angefangen bei bereits vorhandenen Daten, bevor neue Quellen erschlossen werden.
DSCC und CNAI: Kompetenz institutionell verankern
2020 beauftragte der Bundesrat das BFS mit dem Aufbau eines Kompetenzzentrums für Datenwissenschaft – dem Data Science Competence Center (DSCC). Seit Januar 2021 ist es operativ und bietet Datenwissenschaft als Dienstleistung für die gesamte Bundesverwaltung an: von der strategischen Beratung bis zur vollständigen Projektdurchführung. Ein Jahr später kam das Kompetenznetzwerk für künstliche Intelligenz (CNAI) dazu. Es vernetzt Bund, Kantone und Gemeinden, koordiniert den Wissensaustausch und betreibt eine öffentliche Projektdatenbank mit allen KI-relevanten Aktivitäten der Bundesverwaltung. Transparenz ist dabei kein Zusatz, sondern Grundprinzip. Beide Strukturen folgen denselben Leitwerten: Datenschutz, Erklärbarkeit, Neutralität und öffentliches Vertrauen.
Was dabei herausgekommen ist
Über 95 Prototypen, Minimal Viable Products und produktionsreife Anwendungen stehen heute in der CNAI-Projektdatenbank. Allein im BFS selbst entstanden mehr als 25 Projekte. Einige Beispiele:
- StatBot.Swiss beantwortet direkt Fragen zu Schweizer Statistikdaten und verbessert den Zugang zu strukturierten Daten auf verschiedenen Verwaltungsebenen.
- NOGAuto kodiert die wirtschaftliche Tätigkeit von Unternehmen automatisch per Machine Learning – Daten, die früher manuell klassifiziert wurden.
- STATENT-Flash schätzt wichtige Ergebnisse zur Unternehmensstruktur früher ab: bisher waren es rund zwanzig Monate nach dem Referenzjahr, jetzt deutlich schneller.
- Lomas ermöglicht vertrauliche Datenanalysen unter höchsten Datenschutzstandards – für Forschung und politische Entscheidungsfindung. Diese Projekte zeigen: Es geht nicht um KI um der KI willen. Jedes Projekt löst ein konkretes Problem.
Was «menschenzentriert» wirklich bedeutet
2022 verabschiedete der Bundesrat die Datenwissenschaftsstrategie des Bundes. Ihre Vision: «Menschenzentrierte und vertrauenswürdige Datenwissenschaft unterstützt das Gemeinwohl und die Staatstätigkeit.» Menschenzentriert bedeutet hier nicht nur nutzerfreundlich. Es bedeutet, dass Algorithmen erklärbar sein müssen, Ergebnisse reproduzierbar sind und Diskriminierung ausgeschlossen wird. Diese Grundsätze sind keine Absichtserklärungen – sie sind Voraussetzung für jeden Auftrag, den DSCC und CNAI annehmen.
Fazit
Was das BFS zeigt: KI in der Verwaltung braucht keine Schlagzeilen, sondern Geduld, Prinzipien und das Vertrauen der Menschen, für die sie arbeitet. Zehn Jahre nach den ersten Schritten ist die Schweizer Bundesverwaltung weiter als viele denken – und noch lange nicht fertig. Die Frage ist nicht mehr ob Datenwissenschaft in der öffentlichen Verwaltung funktioniert. Die Frage ist, wie schnell andere Ebenen und Länder diesen Weg mitgehen.
